Gedanken

Wenn die Freiheit dich erdrückt

Ich weiß, eigentlich sollte ich mich verdammt glücklich schätzen. Ich bin in eine Welt hinein geboren, die mir alle Möglichkeiten bietet, mein Leben so zu gestalten, wie ich es möchte. Ich kann mir meine eigenen Ziele stecken und diese verfolgen. Ich kann diese wieder verwerfen und mich jeden Tag neu entscheiden, wie ich mein Leben leben möchte. Ich bin jung, habe keine nennenswerten Verpflichtungen, und bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren worden. Kurzum: Ich bin frei. Und ja, ich bin wirklich dankbar dafür. Und dennoch…

Dennoch ist da dieser unablässige Druck. Das Gefühl, eine graue Wolke schwebt über mir, vernebelt mir die Sicht auf den derzeitigen Moment und erinnert mich immer wieder daran, dass ich endlich einen Plan für die Zukunft brauche. Tatsächlich spüre ich, wenn ich an die Zukunft denke (und das passiert oft), wie sich meine Brust zusammenschnürt und mir die Tränen in die Augen steigen. Ich habe Angst. Angst, die falschen Entscheidungen zu treffen. Angst, durch eine Tür zu gehen und damit tausend andere Türen zu verschließen. Angst, Erwartungen nicht gerecht zu werden – denen von anderen, aber vor allem meinen eigenen. Angst, meine Entscheidungen später zu bereuen und zu erkennen, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige war.

Milan Kundera schreibt in seinem Roman “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”:

“Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann. […] Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler, der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist?”

Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Gedanken, die auch von mir stammen könnten. Woher soll ich im Vorhinein wissen, dass die Entscheidung, die ich fälle, der Weg, den ich gehe, richtig ist? Ich wünschte, ich wäre einer dieser Menschen, die ganz genau wissen, was sie wollen und was ihre Bestimmung ist – doch das bin ich nicht. Es gibt so viele Lebenswege, die ich mir vorstellen könnte und mir in meinem Kopf ausmale. Manchmal kommen mir Ideen, für die ich kurzzeitig richtig brenne. Manchmal denke ich auch, es gibt gar keinen richtigen Platz für mich auf dieser Welt.

An einem Tag sehe ich mich als Forscherin und Wissenschaftlerin, am nächsten möchte ich die moderne, technologisierte Welt ganz hinter mir lassen und raus in die Wildnis von Alaska ziehen. Manchmal wäre ich gerne eine Reisende, minimalistisch in meinem eigenen Bus unterwegs, oder ich möchte Entdeckerin und Abenteuerin sein und von meinen spektakulären Expeditionen zu den unberührtesten Flecken dieser Erde berichten. Am nächsten Tag, kann ich mir nichts schöneres vorstellen, als sesshaft zu werden, meine eigene Familie zu gründen und in einer schönen, gemütlichen Altbauwohnung oder einem Haus auf dem Lande zu leben. Hin und wieder keimt mein Kindheits-Berufswunsch wieder auf und ich möchte Autorin sein und irgendwo zurückgezogen an meinen Büchern schreiben. Ab und zu sinniere ich über Geschäftsideen und hätte Lust, mich selbstständig zu machen und ein Start-Up zu gründen. An anderen Tagen möchte ich nichts geringeres, als die Welt retten und mich für den Klimaschutz stark machen. Und manchmal träume ich auch von meiner eigenen Schokoladenmanufaktur…

Ich könnte noch ewig so weiter machen, aber ich glaube der Punkt wird klar: Die Zahl der Möglichkeiten ist unendlich groß und die Entscheidung ist schwer. Und die Frage, worin ich meine Leidenschaft finde, ist auch nur der Anfang. Danach folgen weitere, etwa “Kann man davon leben?” und “Wie lassen sich die eigenen Träume und die des Partners miteinander vereinbaren?”, und natürlich kommen auch Kommentare von außen à la “Du solltest aber auch schon mal an deine Altersvorsorge denken”, die mir den Magen umdrehen, so weit sind sie von meiner Realität und Gedankenwelt entfernt. Woher soll ich in all dem Gedankenchaos auch noch wissen, wann es richtig ist, auf die Stimme der Vernunft zu hören, und wann ich meinen Träumen folgen sollte?

Sicher, ich bin noch (relativ) jung, ich hab noch Zeit, vieles auszuprobieren und meinen Weg zu finden. Und ich bin definitiv auch der Meinung, dass man auch mit 30, 40, 50, und in jedem anderen Alter, sein Leben noch einmal komplett umkrempeln kann und etwas Neues starten kann. Aber will man nicht irgendwann auch mal angekommen sein? Spüren, dass man genau am richtigen Ort ist, mit den richtigen Menschen und einer erfüllenden Lebensaufgabe? Sich irgendwo wirklich zu Hause fühlen? Ich habe eine vage Vorstellung davon, wie sich das anfühlt und spüre eine tiefe Sehnsucht in mir, nach diesem Gefühl des “angekommen Seins”.

Soweit bin ich allerdings noch lange nicht. Ich bin mir sicher, dass noch viele verzweifelte Momente kommen, in denen ich den Sinn des Lebens hinterfrage und orientierungslos im Dunkeln tappe. Trotzdem bin ich auch zuversichtlich, dass der Moment kommen wird, irgendein noch unbekannnter Ort und Zeitpunkt – vielleicht sitze ich ja an einem lauen Sommerabend auf meiner Veranda –  wo ich weiß, ich bin genau da, wo ich hingehöre. Dann werde ich zurückblicken, mich an all den Schmerz erinnern, lächeln und begreifen, dass jeder einzelne Schritt, mich genau dorthin geführt hat.

Und solange es noch nicht so weit ist, versuche ich zumindest die graue Wolke immer wieder aus meinen Gedanken zu verschieben und die Momente des Lebens im Hier und Jetzt zu genießen. Denn wie John Lennon sagte:

“Life is what happens while you are busy planning other things.”

John Lennon

Inspiration

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