Unterwegs

Probier’s mal mit Gelassenheit

Im Oktober habe ich mit meinem Freund Urlaub in Südfrankreich gemacht – kein großer Abenteuertrip, nur ein bisschen Zeit zu zweit, ein Besuch meiner französischen Familie, und den Alltag für kurze Zeit gegen das französische “savoir-vivre” eingetauscht. Auch wenn man meinen könnte, bei so einem kurzen, durchgeplanten Urlaub könne nicht viel Unerwartetes passieren, gibt es doch eine kleine Geschichte, die ich gerne mit euch teilen möchte, da sie mich mal wieder an eine der ersten Lektionen erinnert hat, die ich auf Reisen gelernt habe:

“Was immer passiert, bleibe gelassen und habe Vertrauen.
Es findet sich immer eine Lösung und nicht selten führen die Situationen, die nicht nach Plan laufen, zu den schönsten Erlebnissen und Erinnerungen.”

Heute starten wir ganz langsam in den Tag. Ausschlafen, noch eine Weile im Bett rumliegen vor dem Aufstehen, dann Croissants vom Bäcker nebenan holen und gemütlich frühstücken. Herrlich, so fühlt sich Urlaub an! Aber da heute unser letzter Tag in Narbonne ist, möchten wir auch noch unbedingt ein bisschen was von der Umgebung sehen und ans nahgelegene Mittelmeer fahren. Da wir kein Auto hier haben, sind wir dafür auf den Bus angewiesen und studieren beim Frühstück den lokalen Busfahrplan. Hätten wir auch schon am Abend vorher machen können, aber irgendwie genießen wir gerade diese Ungeplantheit. Wir beschließen in den benachbarten kleinen Ort Gruissan zu fahren – dort gibt es eine Burgruine und man ist direkt am Meer und dem “Étang”, einer Art Lagune. Schnell finden wir heraus, dass der nächste Bus um 12 Uhr fährt und danach erst nachmittags wieder stündlich Busse fahren. Um den Mittagsbus noch zu erwischen, packen wir ein wenig in Eile unsere sieben Sachen zusammen und machen uns auf den Weg zur Busstation.

Die Fahrt ist kurz, es sind nur ca. 15 km nach Gruissan. Angekommen bläst uns erstmal ein kräftiger, kalter Wind die frische Meeresluft um die Ohren. Obwohl die Sonne scheint, kann man das mit dem Baden gehen also schnell wieder vergessen. Wir machen uns auf in Richtung Ortskern. Alles wirkt ziemlich verlassen. Ferienanlagen, die im Sommer wahrscheinlich brechend voll sind, wirken wie ausgestorben. In der beschaulichen Altstadt ist dann immerhin ein bisschen was los und ein paar kleine Cafés und Läden haben geöffnet. Wir spazieren durch die hübschen, alten Gassen der Stadt und besichtigen die auf einem Hügel gelegene Burgruine. Schön ist es hier, aber der Wind tobt hier oben so sehr, dass wir uns bald wieder in die schützenden Gassen der Altstadt flüchten.

Unser nächstes Ziel ist Gruissan-Plage, der an einem schönen, breiten Sandstrand gelegene Teil des Ortes. Google Maps sagt uns, dass es dort auch einen Supermarkt geben soll. In unserer Eile hatten wir nämlich ganz vergessen, genügend zu Trinken einzupacken. Wir machen uns also auf den etwa 2 km weiten Weg, um dann festzustellen, dass dieser Teil des Ortes im Wesentlichen aus Ferienhütten besteht und jetzt, außerhalb der Sommersaison, komplett verlassen ist. Selbstverständlich hat der Supermarkt auch geschlossen. Den riesigen Strand teilen wir uns nur mit ein paar vereinzelten Spaziergängern und mit den Kite- und Windsurfern, für die dieser Ort ein Paradies ist. Wir setzen uns an den Strand, beobachten das Meer und die Surfer, verdrücken unsere mitgebrachten Sandwichs und versuchen dabei so wenig wie möglich des vom Wind aufgewirbelten Sandes zwischen unsere Zähne zu kriegen.

Der Wind ist anstrengend und die Sonne brennt ganz schön auf unserer Haut, sodass wir beschließen, schon den nächsten Bus um 15:20 Uhr zurück nach Narbonne zu nehmen. Wir setzen uns an die Bushaltestelle von Gruissan-Plage, wo wir vor Wind und Sonne geschützt sind und quatschen über Gott und die Welt, während wir auf den Bus warten, der in einer halben Stunde kommen soll… Die Zeit vergeht, es wird 15:20, 15:25, 15:30, und weit und breit ist kein Bus zu sehen. Skeptisch studieren wir noch einmal den Busfahrplan. Es sind Schulferien, das hatten wir beachtet. Einige Zeiten sind farblich anderes markiert als andere, das hatte ich vorher gar nicht weiter bemerkt. Erst jetzt sehe ich die kleine Fußnote, die besagt, dass diese farblich markierten Busse nur bei Bedarf fahren und man sich am Vortag bis 17 Uhr telefonisch anmelden muss. Schöne Scheiße, das gleiche gilt auch für die nächsten zwei Busse, nur der letzte Bus des Tages um 18:20 fährt wieder regulär. Nicht ganz wissend ob wir uns ärgern oder darüber lachen sollen, entscheiden wir uns für letzteres und machen uns erstmal wieder auf den Rückweg in die Altstadt von Gruissan. Dabei sondieren wir die Lage und diskutieren unsere Möglichkeiten. Wir könnten noch 3 Stunden auf den letzten Bus warten, was nicht sehr verlockend klingt, da es hier absolut nichts mehr zu machen gibt. Wir könnten zu Fuß zurück gehen, 15 km sind kein Ding der Unmöglichkeit und wir wären vermutlich etwa zur selben Zeit zurück wie der Bus, andererseits wissen wir nicht, ob es einen guten Weg gibt, die Sonne knallt ganz schön und erstmal müssen wir unsere Wasservorräte auffüllen. Die dirtte Möglichkeit, mit der ich ein bisschen liebäugel, da ich in Neuseeland gute Erfahrungen damit gemacht habe, ist Daumen raus und Trampen. Mein Freund steht dem Ganzen aber eher skeptisch gegenüber und auch ich fühle mich nicht 100%ig wohl dabei, zumal ich auch nicht unbedingt Lust verspüre, mit Fremden 20 Minuten Smalltalk auf Französisch zu führen.

So richtig toll sind unsere Optionen also alle nicht und wir beschließen, uns erstmal in der Stadt einen Nutella-Crêpe und etwas zu Trinken zu holen. Während wir also draußen vor einer Eisdiele sitzen, unseren mittelmäßigen Crêpe genießen und beratschlagen, was wir tun sollen, kommt eine junge Frau auf uns zu und spricht uns an. Sie fragt, ob sie uns ein paar Fragen zu unserer Reise und unserem Reiseverhalten stellen dürfe, sie mache eine Umfrage für das Touristenbüro von Narbonne. Gerne willigen wir ein, wir haben ja ohnehin im Moment nichts besseres zu tun. Die Umfrage ist lang, aber die Frau ist sehr freundlich und wir unterhalten uns ganz gut. Bei der Frage, wie wir uns vor Ort fortbewegen, erzählen wir ihr von unserem Bus-Dilemma. Anscheinend meint das Schicksal es heute gut mit uns, denn sie sagt:

“Also, ich muss heute noch ein paar Interviews führen, aber danach fahre ich zurück. Wenn ihr solange warten könnt, kann ich euch gerne nach Narbonne mitnehmen.”

Wir können unser unverschämtes Glück kaum fassen und nehmen das Angebot dankend an. Wir verabreden, dass wir hier in der Nähe bleiben und sie uns dann abholt, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig ist. Nach über einer Stunde, als wir schon langsam anfangen zu zweifeln, ob sie uns nicht doch stehen lassen hat, sehen wir sie wieder und wie versprochen nimmt sie uns mit nach Narbonne, obwohl dies wie sich herausstellt, eigentlich gar nicht direkt auf ihrem Weg liegt, da sie nach Perpignan unterwegs ist. Wir lernen uns ein bisschen kennen und führen eins der interessantesten Gespräche auf unserer ganzen Reise. Wir erfahren, dass sie Marie heißt und Tourismus studiert hat und sich besonders für das Thema Nachhaltigkeit interessiert. Sie hat sich selbstständig gemacht und ihre Kunden sind z.B. Städte, Regionen oder auch Nationalparks, für die sie die Bedürfnisse der Touristen genauer unter die Lupe nimmt, die Umfragen sind nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit. Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch über Reisen und Nachhaltigkeit und darüber, wie man etwas in der Welt bewirken kann. Marie ist mir sehr sympathisch und ich merke schnell, dass wir ähnliche Werte teilen.

Die Fahrt geht schnell vorüber und in Narbonne angkommen, bin ich sehr glücklich über diesen Tag – darüber, dass ich diese interessante Frau kennenlernen und einen kleinen Einblick in ihre Welt bekommen durfte und auch darüber, dass sich mir mal wieder gezeigt hat, dass es sich lohnt, gelassen zu bleiben, und dass die Lösung für Probleme oder scheinbar ausweglose Situationen oft ganz unerwartet von selbst zu einem kommt.

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