Gedanken

Zwischen den Jahren

Es ist Weihnachten. Ich sitze in meinen kuscheligsten Sachen eingemummelt in meinem alten Kinderzimmer und genieße diese ruhigen Tage, in denen es mir scheint, als würden die Menschen, die sonst doch immer so geschäftig durch’s Leben rennen, für ein paar Tage gemeinschaftlich den Pause-Knopf drücken und beschließen, dass der Arbeitsstress, die To-Do-Listen und guten Vorsätze ja auch noch bis nächstes Jahr warten können. Als würde die Welt für ein paar Tage still stehen. Ich liebe diese Zeit und ich liebe es, diese Zeit zu nutzen, um zu reflektieren und auf mein eigenes Jahr zurückzuschauen.

Spulen wir mal ein Jahr zurück ans Ende von 2016, als ich wie heute in meinem alten Kinderzimmer saß und über mein Leben nachgedacht habe. Ich weiß noch sehr genau, wie ich mich zu dieser Zeit gefühlt habe und was für Gedanken mich beschäftigt haben. Ich habe mir damals sehr viele Sorgen gemacht und das große Thema, was mich umgetrieben hat und mir viele Nächte lang den Schlaf geraubt hat, ist das Thema Zukunftsangst. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das erste Jahr meines Physik Masterstudiums fast beendet. Die Frage, nach der Richtung, in die ich gehen und mich beruflich entwickeln möchte, wurde immer drängender und ich hatte das Gefühl, mir läuft die Zeit weg. Im Frühling hätte ich anfangen sollen, an meiner Masterarbeit zu arbeiten und ich wusste nicht, was für ein Thema ich wählen sollte. Ich hatte mir selbst schon zur Bedingung gemacht, dass ich nur an etwas arbeiten möchte, wofür ich mich begeistern kann und worin ich auch einen Sinn sehe. Der einfache Weg, zu Professoren zu gehen, bei denen ich schon meine Bachelorarbeit geschrieben hatte oder die von sich aus schon auf mich zugekommen waren, deren Themen mich aber nur mittelmäßig begeisterten, war für mich keine Option.

Meine erste Idee, im Bereich der Photovoltaik zu arbeiten und damit Halbleiterphysik und Klimaschutz/erneuerbare Energien miteinander zu verbinden, hatte ich wieder verworfen. Dafür hätte ich ans andere Ende von Deutschland ziehen müssen und für mindestens ein Jahr eine Fernbeziehung über weite Distanz führen müssen. Nachdem ich dann auch noch nach dem Besuch eines in Frage kommenden Instituts und Professors mit einem ziemlich unguten Gefühl wieder nach Hause gefahren bin, hatte sich die Sache für mich erledigt. Und ich stand ratloser da als zuvor.

Neben den Fragen nach dem nächten Schritt, waren da natürlich auch die Fragen nach meinen längerfristigen Zielen. Will ich in die Wissenschaft, will ich einen klassischen Angestellten-Job in einem Unternehmen oder will ich vielleicht etwas ganz anderes? Will ich nicht eigentlich auch schreiben und reisen, draußen sein, Abenteuer erleben, mich für den Umweltschutz einsetzen, selbstständig arbeiten? Was ist mir wichtiger, Karriere und Selbstverwirklichung oder Familie und Beziehung, wie lässt sich beides vereinen? Wo und wie möchte ich einmal leben? Fragen über Fragen. Also las ich Ratgeber und Selbsthilfebücher mit so passenden Titeln wie “Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will”, hörte Podcasts mit Interviews verschiedener Wissenschaftler, durchforstete das Internet und malte mir verschiedene Lebenswege aus.

Tatsächlich war es dann genau diese Zeit zwischen den Jahren, in der ich eine Entscheidung traf, die den Verlauf meines Jahres 2017 und vielleicht auch meine weitere Zukunft ganz wesentlich bestimmte. Wie jedes Jahr traf ich um die Weihnachtszeit meine alten Schulfreunde und stellte fest, dass viele sich in ähnlichen Situationen befinden. Das Thema Selbstfindung, Selbstverwirklichung, seinen eigenen Weg gehen, ist ein riesiges Thema in meiner Generation. Was kein Wunder ist – die Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, sind unendlich vielfältig, durch das Internet sehen wir, was alles möglich ist, und wir sind in dem Glauben aufgewachsen, dass uns die Welt offen steht. Das ist großartig und gleichzeitg überfordernd. Eine Freundin war gerade dabei ihr Bachelorstudium abzuschließen und war sehr ratlos, was sie danach machen sollte. Sie sagte zu mir:

“Ich weiß nur, dass ich nicht wie so viele einfach ein passendes Masterstudium dranhängen werde, um dann am Ende am gleichen Punkt zu stehen wie jetzt. Ich werde mir die Zeit nehmen, herauszufinden was ich gerne machen möchte, durch Praktika und ausprobieren.”

Das fand ich super und ich merkte, ich sollte es ähnlich machen. Ich traf auch einen weiteren Freund, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, und der mir seine Geschichte erzählte. Eine sichere, gut bezahlte Karriere hatte er an den Nagel gehangen, weil sie ihn unglücklich machte, und gegen eine ungewisse Zukunft als freischaffender Blogger und Autor eingetauscht – mit beachtlichem Erfolg. Ich war beeindruckt, im Nachhinein wirkte es fast wie eine Bilderbuch-Geschichte. Doch er erzählte mir auch, dass es alles andere als leicht war, diese Entscheidung zu treffen und durchzuziehen, und dass der Weg mit viel Zweifeln und mit sehr viel harter Arbeit verbunden war. Ich konnte es mir vorstellen. Die Reaktionen in unserer Gesellschaft können extrem vernichtend sein, wenn man gegen den Strom schwimmt, die Anerkennung kommt erst mit dem Erfolg.

Ich schwörte mir daraufhin, immer den Weg des Herzens statt den des geringsten Widerstands zu wählen.

Diese Gespräche, die Bücher, die ich las, die Lebenswege verschiedener Menschen – all das inspirierte mich. Und ich beschloss, erstmal ein Urlaubssemester einzulegen und in dieser Zeit verschiedene Wege auszuprobieren. Ich wollte nicht mit der Physik und der Wissenschaft brechen, dafür machte mir das Ganze zu viel Spaß und dafür mochte ich die Forschung zu sehr, aber ich wollte gerne eine neue Richtung ausprobieren. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr reizte mich nämlich die Geophysik und Klimaforschung. Die Möglichkeit, auf Expeditionen zu gehen und draußen zu arbeiten, kombiniert mit der Geschellschaftsrelevanz des Themas Klimawandel und der wissenschaftlichen Arbeitsweise, gefiel mir sehr. Ich traf also die Entscheidung, im neuen Jahr, so viel wie möglich auszuprobieren, auszutesten, ob mir diese Forschungsrichtung gefällt, und mich zu orientieren. Außerdem wollte ich meine freie Zeit nutzen, um wieder mehr zu schreiben und vielleicht mal über einen eigenen Blog nachzudenken – das hier ist dabei rausgekommen. 😉

Ich bin sehr, sehr glücklich darüber, dass ich diese Entscheidung so am Anfang des Jahres getroffen habe. Ich hatte dadurch unfassbar tolle Möglichkeiten. Ich habe zwei Monate ein Praktikum am Geomar Institut in Kiel gemacht, hatte die Möglichkeit, in die USA, nach Südafrika und nach Schweden zu reisen, habe tolle Menschen kennengelernt und vor allem auch eine berufliche Richtung für mich gefunden. Aus meiner Erfahrung kann ich also nur jedem raten, auf sein Bauchgefühl zu hören und mutige Entscheidungen zu treffen, anstatt immer den Weg des geringsten Widerstands zu wählen.

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