Gedanken,  Unterwegs

Was am Ende bleibt (Jakobsweg 2018)

Wenn Leute mich nach meiner Zeit auf dem Jakobsweg fragen, habe ich oft das Gefühl, keine Antwort geben zu können, die der Erfahrung auch nur ansatzweise gerecht wird. Vielleicht, weil wenige zusammenfassende Sätze nicht ausreichen, dieses Lebensgefühl widerzuspiegeln. Vielleicht, weil die Magie dieser Erfahrung viel tiefgründiger liegt, als ich bereit bin, den meisten Menschen im Small Talk preiszugeben. Vielleicht, weil man es selbst erlebt haben muss, um es nachempfinden zu können. Ich rede dann vom Wetter, über die Distanzen, die ich jeden Tag zurückgelegt habe, über die Abwechslungsreichheit des Weges, darüber ob ich alleine oder in Gesellschaft unterwegs war. Dabei hat das alles so wenig mit dem zu tun, worum es eigentlich geht, und mit dem, was am Ende bleibt.

Aber was bleibt eigentlich am Ende? Etwa drei Monate ist es jetzt her, seit ich den letzten Schritt auf dem Jakobsweg auf den Kathedralplatz von Santiago de Compostela gesetzt habe. Die Erinnerungen verblassen und ich stecke wieder voll im Alltag. Manchmal werde ich gefragt, ob der Weg mich verändert hat. Und wenn ich mir mein Leben jetzt und vorher so angucke, ist die ehrliche Antwort: Nicht wirklich. Ich habe mein Leben nicht um 180 Grad auf den Kopf gestellt, bin immer noch der selbe Mensch mit den gleichen Gedankenmustern und Gefühlen. Und ich ertappe mich auch immer wieder selbst dabei, wie mich der Strudel des Alltags einsaugt. Es geht ja auch so schnell: Sich in To-Do-Listen zu verlieren. Sich in seine Arbeit zu verbeißen und frustriert zu sein, wenn es nicht so richtig klappen will. Sich treiben zu lassen von “Müssens” und “Solltens”. Sich einzubilden, nichts wäre wichtiger, als jetzt Punkt drölftausend abzuarbeiten – nicht das Schenken eines Lächelns, der Kaffeeklatsch mit Kollegen, die kleine Aufmerksamkeit für den Partner, das Melden bei Freunden, die Zeit zum Träumen, Spielen und für sich selbst,…

Aber ein bisschen was ist vielleicht doch anders als vorher. Ich ertappe mich öfter dabei, wenn ich zum Beispiel gestresst bin, in eine negative Gedankenspirale abrutsche, mich von Nichtigkeiten runterziehen lasse oder unachtsam durch die Welt marschiere. Und es fällt mir leichter, einen Schritt zurückzutreten und die Welt wieder im rechten Licht zu sehen. So geht es anscheinend nicht nur mir. Eine Camino-Freundin, mit der ich über Weihnachten nochmal Kontakt hatte, schrieb mir zum Beispiel:

“Ich denke sehr oft an die Zeit auf dem Camino und es ist erstaunlich, wie gut es im Alltag tut, sich dieser Zeit bewusst zu werden, um mit dem Stress und Trubel besser klar zu kommen und Abstand zu finden.”

Woran liegt das also? Zum Einen hatte ich unterwegs viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren. Ich will gar nicht behaupten, dass man beim Wandern immer tiefgründige Gedanken hat (definitiv nicht!), aber durch das lange, meditative Gehen kommt man irgendwann doch immer wieder gedanklich bei Situationen aus seiner Vergangenheit und letztendlich bei sich selbst an. Ich hatte unterwegs ein paar Momente der Erkenntnis, in denen ich Gedanken hatte, die ich unbedingt festhalten wollte. Was ich dann gemacht habe, ist, diese als Sprach-Memo mit meinem Handy aufzunehmen. Ich bin sehr froh, meine Gedanken auf diese Weise festgehalten zu haben. So konnte ich mir am Ende noch einmal alles anhören, für mich zusammenfassen und aufschreiben. Was dabei entstanden ist, ist eine 9-Punkte-Liste – mein “Jakobsweg-Manifest” – mit Dingen, die ich in meinem Leben ändern möchte. Dabei geht es weniger um konkrete Veränderungen, die man einmal durchführt, sondern um Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen, nach denen ich mein Leben zukünftig (mehr) ausrichten möchte. Diese Liste schmückt jetzt eine der ersten Doppelseiten in meinem Kalender und ich lese sie mir tatsächlich immer wieder mal durch. Es ist eine gute Erinnerung daran, welcher Mensch ich wirklich sein möchte.

Ich muss aber auch ehrlich sagen, das meiste sind keine Gedanken, die gänzlich neu für mich sind, und sicherlich sind es Gedanken, die man auch in einem ruhigen Moment zu Hause für sich formulieren könnte. Was also vielleicht den Unterschied macht, sind die Bilder, die ich jetzt dazu im Kopf habe. Erinnerungen an Situationen, Menschen und das ganz besondere Lebensgefühl auf dem Weg, die ich heraufbeschwören kann und die mir dabei helfen, die Wichtigkeit der Dinge im Leben wieder in Relation zu setzen.

Ich denke dann daran, wie glücklich und dankbar es mich jeden Morgen aufs Neue gemacht hat, die Morgenstunden draußen zu verbringen und mitzuerleben, wie die aufgehende Sonne alles in ein zauberhaftes, goldenes Licht taucht. Ich denke daran, wie intensiv ich alles wahrgenommen habe und wie lebendig ich mich gefühlt habe. Ich denke daran, wie wenig ich eigentlich bei mir hatte und wie wenig davon ich eigentlich wirklich brauchte, und daran, wie sehr ich mich über kleine Dinge, wie ein gutes Essen mit frischem Gemüse, eine ruhige Nacht ohne Schnarcher oder einfach nur das Ausziehen der Schuhe nach einem langen, anstrengenden Wandertrag, freuen konnte. Ich denke aber auch an die Rückschläge, Momente der Einsamkeit, das Gefühl der Unzugehörigkeit, meine Wut und Frustration über Bettwanzen, Wespenstiche am Fuß und Achillessehnenprobleme und daran, wie ich es dann doch geschafft habe, diese Umstände zu akzeptieren, zu vertrauen und meine Gefühlswelt nicht davon abhängig zu machen.

Woran ich aber vor allem denke, mehr als an alles andere, sind die wundervollen Menschen, die mir begegnet sind und die Liebe und selbstlose Hilfsbereitschaft, die mir entgegengebracht wurde, teilweise von völlig Fremden. Ich denke da an Anja aus Holland, die mit ihrer liebevollen Art schon bei meiner Ankunft in St-Jean dafür gesort hat, dass ich mich trotz Migräne und etwas Überforderung viel wohler und angekommen fühlte, und die mit kleinen Gesten den Menschen auf dem Weg immer wieder ihre Liebe geschenkt hat. Ich denke da an Tim aus Südafrika, bei dem ich das Gefühl hatte, er könne ganz tief in mein Innerstes sehen und mit dem ich die tiefgründigsten Unterhaltungen führen konnte. Ich denke da an die Hospitaleras in der Herberge in Villamayor de Monjardín, insbesondere die Schwedin Hanna, die jeden mit so viel Herzlichkeit und Güte aufgenommen haben und in uns allen ein tiefes Gefühl der Gemeinschaft und Verbundenheit ausgelöst haben. Ich denke da an Raffael, der in Logroño für mich da war, als ich an meiner “Bettwanzen-Plage” verzweifelt bin, und mir dabei geholfen hat, die Welt wieder positiver zu sehen. Ich denke da an die Herbergseltern in Pradela, die uns in ihrem wunderschönen Zuhause aufgenommen haben wie einen Teil der Familie. Ich denke da aber auch an Markus, Jason, Deb, Jördis, Ines, Anders, Pierre und Marie, Tom, Vanessa, Louis, Hannah, Josi, Johnny und viele andere, die meinen Weg zumindest zu einem Teil begleitet haben.

Es ist tatsächlich so, dass – zumindest habe ich es in vielen Situationen erlebt und hoffe sehr, dass es trotz der immer weiter steigenden Pilgerzahlen so bleibt – auf dem Jakobsweg ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl herrscht und die Menschen sich auf einer tieferen Ebene begegnen. Ein Spirit der Nächstenliebe, der ansteckend wirkt. In einer NDR-Doku, die ich letztens gesehen habe, wird dieses Lebensgefühl finde ich sehr schön und echt gezeigt. In dieser Doku sagt eine deutsche, freiwillige Hospitalera einen schönen Satz, den ich so auch unterschreiben würde:

“Ich bin der festen Überzeugung, wenn die Menschen im Alltag so miteinander umgehen würden wie auf dem Camino, hätten wir eine bessere Welt.”

Ich möchte hier kein falsches Bild vom Jakobsweg zeichnen. Es war auch für mich nicht immer alles rosig, nicht alles hat mir gefallen, und die zunehmende Kommerzialisierung und Touristenströme nehmen dem Weg sicherlich einiges von seinem Zauber. Aber diese Dinge sind für mich nicht das, was überwiegt, und nicht das, was mir am Ende bleibt. Sondern es ist vor allem dieses Lebensgefühl geprägt von Einfachheit und Dankbarkeit, Präsenz und Achtsamkeit, Offenheit und Miteinander, Vertrauen und Akzeptanz.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Jakobsweg für jeden, der ihn geht, eine Art Therapie sein kann. Und ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass so viele dort hinkommen, um schwierige Situationen aus ihrem Leben zu verarbeiten. Ich denke zwar nicht, dass es dafür unbedingt der Jakobsweg sein muss, aber ich denke schon, dass er es einem sehr einfach macht, sich selbst ein Stückchen näher zu kommen. Für mich verbindet er auf eine wunderschöne Weise die Natur, Meditation und Zeit für sich durch das lange Gehen einer Fernwanderung mit dem zwischenmenschlichen Austausch, der Gemeinschaft und Spiritualität, wie ich es ansonsten zum Beispiel vom Kirchentag oder Berichten über das Kloster Taizé kenne.

Damit die Erfahrungen einer solchen Auszeit auch nachhaltig wirken können, ist es, so glaube ich, vor allem wichtig, wie man diese mit nach Hause nimmt und dass man sich auch im Alltag immer wieder die Zeit für sich und seine persönliche Entwicklung nimmt. Dann ist da auch was, was am Ende bleiben kann. Für mich ist das vor allem ein Leitfaden für mein Leben und ein Kopf voller Erinnerungen.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Text meine Jakobsweg-Erfahrung ein bisschen näher bringen. Natürlich ist jede Erfahrung individuell und wer wirklich wissen möchte, wie es sich für ihn persönlich anfühlen würde, sollte sich am besten selbst auf den Weg machen. Es ist viel einfacher als man denkt.


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