Gedanken

Innehalten

7 Uhr morgens. Ich öffne das Dachfenster und strecke meinen Kopf hinaus. Die Luft ist noch kühl, aber die Sonnenstrahlen kitzeln warm auf meiner Haut und ein Duft von Frühling liegt in der Luft. Es ist ruhig, ungewöhnlich ruhig für diese Zeit. Kein Berufsverkehr, keine Autos auf der sonst so belebten Straße vor unserem Haus. Die Vögel zwitschern dafür umso lauter. Es sind ungewöhnliche Zeiten. Die Welt steht still. Und auch wenn ich weiß, wie viel Leid diese Situation für viele mit sich bringt, jetzt gerade kann ich nicht anders als eine tiefe Dankbarkeit für diese Stille und Ruhe zu empfinden. Es fühlt sich an wie ein Durchatmen, ein kollektives Durchatmen und Innehalten. Es ist okay, jetzt einmal nicht zu rennen und zu hetzen. Einmal stehen zu bleiben und einfach zu sein, innezuhalten und sich rückzubesinnen. In den letzten Tagen und Wochen merke ich immer mehr: Das ist Balsam für meine Seele.

Jetzt wo Ruhe einkehrt, merke ich auch, dass meine Intuition wieder lauter zu mir spricht. Jetzt wo so vieles wegfällt, fühle ich mich so klar wie lange nicht mehr. Ich spüre ganz deutlich, was mir gut tut und was nicht, was ich vermisse und was nicht. Woran mein Herz wirklich hängt und in welche Richtung meine Gedanken träumen. Was es für mich braucht, um glücklich zu sein. Diese tiefe Verbundenheit zu spüren, ist für mich ein großes Geschenk. Gleichzeitig lässt sie mich vieles in meinem Leben hinterfragen. Und ich stehe hier irgendwo zwischen Angst und neugieriger Zuversicht, wenn ich an die logischen Konsequenzen meiner Gefühle denke.

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder über die großen Fragen des Lebens nachgedacht. Darüber wozu wir hier sind und wie wir als Menschen und Gesellschaft unser Leben führen. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass so vieles verdammt verkehrt läuft. Und leider konnte ich mich selbst auch nicht davon ausnehmen. Diese Schnelllebigkeit, das ständige Streben nach Wachstum, die Entkopplung unseres Lebens von der Natur, das Betäuben der inneren Bedürfnisse durch Medien und Konsum, die immer größere Kreise ziehende Spirale der Einsamkeit. Wann haben wir verlernt, im Einklang mit der Natur und als Gemeinschaft zu leben? Wann haben wir begonnen, das Glück im Außen statt im Innen zu suchen? Und wann haben wir vergessen, dass wir – jeder einzelne, aber auch als Gesellschaft – verletzlich sind und dass der Tod zum Leben gehört?

Vielleicht liegt in dem globalen Herunterfahren ja auch eine Chance. Für uns als Individuen, für uns als Gesellschaft und für unsere Erde. In spirituellen Kreisen ist immer häufiger von einem “Great Awakening”, einem großen, spirituellen Erwachen, die Rede. Aber auch durch Gespräche mit Freunden und Bekannten merke ich, dass ich nicht alleine damit bin, neben all dem Negativen auch viel Positives aus dieser Zeit zu ziehen. Ich weiß nicht, wie das Leben nach der Pandemie aussehen wird. Ob wir alle schnellstmöglich in unser altes Leben zurückrennen werden und alles weiterläuft wie vorher. Oder ob wir vielleicht eine neue Normalität kreieren werden. Vielleicht eine langsamere, empathischere, gesündere, ausbalanciertere Welt? Was ich aber weiß ist, dass wir – ich und du, dem es vielleicht ähnlich geht – in unserer eigenen, kleinen Welt genau damit anfangen können.


Disclaimer: Ich weiß, dass die aktuelle Situation unfassbar viel Leid für viele Menschen bringt. Dass Menschen sterben, dass Menschen ihre Liebsten verlieren, dass Existenzen und Welten zerbrechen, dass Menschen sich alleine und verloren fühlen, und dass wiederum andere Menschen bis an ihr Limit gehen, um eben diesen zu helfen. Daran zu denken schmerzt und lässt mich mit einem Gefühl von Ohnmacht zurück. Ich weiß, dass ich in einer sehr priveligierten Situation bin, einen Text über die positiven Effekte des pandemiebedingten Lockdowns zu schreiben, und dass viele die Lage ganz anders empfinden. Bitte bedenkt, dieser Text beschreibt nur mein individuelles Erleben und Empfinden der aktuellen Situation.


Ein bisschen Inspiration:

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