Unterwegs

Wandern vor der eigenen Haustür – Unterwegs auf der Via Baltica

Vor zwei Jahren bin ich einmal quer durch Spanien auf dem Jakobsweg gepilgert. Diese Wanderung war für mich eine der schönsten und einprägsamsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben. Es fühlt sich ein bisschen an, als hätte ich eine zweite Heimat gefunden. Zumindest begleitet mich seither der Gedanke: Wenn hier alle Stricke reißen, dann kann ich immer noch zurück auf den Camino, denn ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Schon seit einer ganzen Weile juckt es mich wieder in den Füßen, ein Stück auf diesem Weg zu gehen. Und verstärkt durch die beschränkten Reisemöglichkeiten in diesem Jahr, reifte so langsam die Idee: Warum eigentlich nicht vor der eigenen Haustür starten? Warum nicht jedes Jahr eine kleine Auszeit nehmen und Stück für Stück von Hamburg nach Santiago de Compostela gehen? Gesagt, getan – spontan habe ich eine Woche Urlaub eingereicht, den Rucksack gepackt und bin einfach los.


Tag 0: Schönheit (Haustür – Hamburg Landungsbrücken, 6km)

Freitag, Feierabend, Wochenende, Urlaub. Und die Sonne scheint, als wollte sie in diesem Spätsommer noch einmal alles geben, bevor endgültig der Herbst einzieht. Also, warum nicht diesen schönen Abend nutzen und schon mal die ersten Kilometer gehen? Ein Abendspaziergang durch Hamburg.

Es geht entlang des Eilbek-Kanals. Ich beobachte die Angler, Enten und Schwäne. Weiter zur Außenalster, wo die Menschen mit einem Feierabendbier das Wochenende einläuten. Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Weiter durch die Straßen St.-Georgs. Die Menschen sitzen hier an den Restauranttischen auf dem Gehweg. Es ist trubelig und duftet herrlich. Verschiedene Organisationen werben für eine fahrradfreundlichere Stadt und die Parkplätze werden kurzerhand zu temporären Grünstreifen umgestaltet. Weiter geht es zur Jacobi-Kirche – ein Wegweiser sagt mir, von hier sind es noch 2.271 km nach Santiago de Compostela –, zum Rathaus und zum Michel. Im portugiesischen Viertel gibt es Tapas, Fisch und guten Wein. Es ist lebendig. Schließlich bin ich an den Landungsbrücken angekommen. Ein Blick auf die Elbe, die Schiffe, die Elbphilharmonie. Eine junge Frau in gelbem Herbstmantel schließt ihre Akustik-Gitarre an der Verstärker an. Sie spielt Try von Pink und singt dabei mit einer wunderschönen Stimme, die mein Herz berührt. Die Leute bleiben stehen und klatschen. Ich beobachte die Szenerie im warmen Licht der Abendsonne von der Brücke der S-Bahn Station. Ich bin froh, diesen abendlichen Spaziergang gemacht zu haben. Ich fühle mich glücklich und dankbar. Und ich spüre die Schönheit dieser Stadt. Auch wenn es mir oft anders geht, heute Abend kann ich verstehen, warum die Hamburger sagen, sie leben in der schönsten Stadt der Welt.


Tag 1: Großzügigkeit (Hamburg Altona – Wittenbergen, 13km)

Ich starte heute mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Allein die Wandermontur, der Rucksack, das Gehen bringen mich sofort wieder ins Wandergefühl zurück. Auch wenn ich nur in Hamburg bin und mir den Weg entlang der Elbe mit etlichen Spaziergängern und Fahrradfahrern teile. Aber es ist wirklich schön hier und wieder einmal frage ich mich, wieso ich eigentlich nicht öfter rausgehe, um diese Seiten der Stadt zu entdecken. Ich falle auf in meiner Wandermontur und mit meinem voll bepackten Rucksack, an dem ich außen noch mein Zelt und meine Isomatte befestigt habe. Ich spüre die Blicke und meine zu wissen, was die verschiedenen Menschen denken. Manche sind verwundert, finden es schräg. Andere freuen sich, fühlen sich an eigene Wanderungen und Reisen erinnert, sind vielleicht sogar ein bisschen neidisch.

In Blankenese spricht mich ein älterer Herr – ich schätze ihn auf Mitte 70 – auf dem Fahrrad an. Er ist ganz begeistert davon, dass ich hier wandernd unterwegs bin, und wir kommen ins Gespräch. Er erzählt mir von seinen früheren Wandertouren in Norwegen. Davon, dass er das Wandern erst viel später für sich entdeckt hat als ich. Von seiner verstorbenen Frau und wie er jetzt alleine versucht, aktiv zu bleiben. Nachdem wir uns verabschiedet haben und ich eine Weile weitergelaufen bin, kommt er noch einmal von hinten mit dem Fahrrad an. Er drückt mir einen 20€ Schein in die Hand, den ich natürlich im ersten Moment überhaupt nicht annehmen möchte. Aber er besteht darauf, sagt mir, wie toll er es findet, dass ich hier wandern gehe, und ich sehe ihm an, dass es ihm eine große Freude bereitet, etwas zu geben. Um meinen Widerstand zu schmälern, erzählt er mir noch, dass er nach seinem letzten Besuch im Friseursalon, wortlos einen 50€ Schein als Trinkgeld auf den Tresen gelegt hat, da die Friseure es besonders schwer hatten in Zeiten des Lockdowns. Er sagt, würde jeder das tun, wäre schon viel geholfen. Als Zyniker kann man jetzt natürlich sagen: „Der hat gut reden, der Mann wohnt in Blankenese und schwimmt vermutlich im Geld.“ Aber das ist nicht der Eindruck, der sich bei mir gebildet hat. Die Begegnung mit diesem Menschen hat mich berührt. Er hat mir ein Geschenk gemacht, und dabei geht es gar nicht so sehr um die 20€, sondern um das Geschenk der Großzügigkeit. Ich sehe in ihm einen Mann, der sein Leben in vollen Zügen gelebt hat und weiß, dass sein Lebensabend näher rückt. Er möchte teilen und geben und damit die Welt im Kleinen ein bisschen besser machen, Freude schenken.

Abends sitze ich am Elbstrand und genieße den Sonnenuntergang. Ich bin glücklich. Gerade ist alles gut, wie es ist. Ich denke zurück an meine Begegnung vom Nachmittag. Ich möchte auch so ein Mensch sein. Jemand, der auf andere zugeht, der großzügig ist, der gibt und Menschen, eine Freude macht. Vielleicht habe ich ja die Gelegenheit, sein Geschenk weiterzugeben und jemand anderem eine Freude zu machen. Ich denke darüber nach, wie es wäre, wenn dieser jemand durch mich auch einen Anstoß bekommen könnte, etwas zu geben. Und was dieser wieder auslösen könnte. Verrückt, ich glaube, wir unterschätzen viel zu oft, welche Wirkung unser Handeln und selbst kleine Taten für andere Menschen haben können.


Tag 2: Demut (Wittenbergen – Harsefeld, 27km)

Der Tag beginnt schön. Es geht durchs Naturschutzgebiet und auf dem Höhenwanderweg entlang der Elbe. Da ich morgens nicht allzu zeitig aufgestanden bin und erst wieder neu lernen muss, wie ich am schnellsten mein Zelt abbaue und meinen Rucksack packe, muss ich mich etwas beeilen, um die Fähre zu erwischen, die mich auf die Südseite der Elbe bringt. Dort geht es immer entlang der Lühe vorbei an Apfelbäumen und historischen Fachwerkhäusern durchs Alte Land. Es ist schön, aber es ist auch zu viel heute. Der Himmel ist wolkenfrei und der Weg bietet kaum Schatten, die Mittagssonne knallt erbarmungslos. Meine Schultern tun weh. Mit Zelt und Campingausrüstung wiegt der Rucksack doch einige Kilos mehr als gewohnt und das Gefühl, dass er einfach mit meinem Rücken verschmilzt, will sich heute nicht einstellen. Und meine Füße tun weh. Bei meiner nächsten Rast stelle ich überrascht fest, dass ich mir Blasen gelaufen habe, 2 Stück an jedem Fuß und Ansätze weiterer Druckstellen. Das ist mir so in weit über 1000 km mit diesen Wanderschuhen noch nicht passiert. Es liegt wohl daran, dass ich die Schuhe zuletzt in Spitzbergen mit Einlagen und sehr dicken Socken getragen habe. Dadurch haben sie sich gedehnt und scheuern jetzt. Blasenpflaster habe ich leider nur zwei Stück dabei und da heute Sonntag ist, kann ich mir so schnell auch keinen Nachschub beschaffen. Da hilft nur, Schuhe eng und ordentlich schnüren und weiterlaufen. Denn ich habe heute noch einige Kilometer vor mir. Zwischendurch kommen noch ein paar Lichtblicke – ein Milchshake im Eiscafé im Horneburg, ein langer, schöner Abschnitt durch den kühlen Wald und ein paar nette Begegnungen und Gespräche. Doch die letzten Kilometer sind hart und erst gegen 17 Uhr erreiche ich den Campingplatz in Harsefeld. Nachdem ich mein Zelt aufgebaut und geduscht habe, dämmert es schon. Ich habe keine Kraft nochmal in den Ort für ein richtiges Abendessen zu gehen, stattdessen gibt es Müsliriegel und Kekse. Die Nacht ist kalt. Statt auf warmen Sand wie in der vorherigen Nacht steht mein Zelt auf einer kalten, feuchten Wiese, die zu lange nicht mehr gemäht wurde. Trotz vier Oberteilen im Zwiebelprinzip und zugeschnürtem Mumienschlafsack, schlafe ich schlecht. Demut. Heute habe ich mich überschätzt und zu viel gewollt.


Tag 3: Intuition (Harsefeld – Oersdorf, 11km)

Mit den Strapazen des vorherigen Tages kam die Entscheidung: So möchte ich das nicht. Das hier ist mein Urlaub. Es soll Spaß machen, glücklich machen, befreien. Bis zum nächsten Campingplatz wären es 28 km – zu viel. Ich starte den Tag mit dem Motto: „Komme was wolle, aber heute mache ich es nur so, wie es sich gut anfühlt.“ Ich starte den Tag mit einem Frühstück mit Cappuccino und Franzbrötchen beim Bäcker, besorge mir Blasenpflaster in der Apotheke und versorge meine Füße, während ich die Morgensonne auf einer Steinmauer im Klosterpark genieße. In meinem Wanderführer schaue ich nach, welche Übernachtungsmöglichkeiten es heute noch auf halber Strecke gibt. Trotz weniger Informationen entscheide ich mich aus einem Bauchgefühl heraus, es bei der Pilgerunterkunft auf dem Mehrgenerationenhof in Oersdorf zu probieren. Und ja, ich kann dort bleiben. Die Frau am Telefon klingt nett und wir verabreden, dass ich am frühen Nachmittag ankomme. Nachdem ich mich noch mit jeder Menge Snacks im Supermarkt versorgt habe, lasse ich den Tag langsam angehen. Ich gehe langsam und aufmerksam, mache Pausen, nehme mir Zeit. Es ist schön. Diese kurze Etappe heute tut mir gut. Auf dem Hof in Oersdorf angekommen, erwartet mich eine Oase der Erholung. Ein wunderschöner, mit viel Liebe zum Detail eingerichteter alter Bauernhof. In mehreren Häusern wohnen hier die verschiedenen Teile der Großfamilie zusammen. Es gibt Kühe, Hühner, selbstangebautes Obst und Gemüse. Ich habe einen Gebäudeteil ganz für mich. Schlafzimmer, großes Wohnzimmer, offene Küche, Bad. Auf mich warten Leckereien wie eine Kürbissuppe und frische Himbeeren. Alles bereitgestellt von herzlichen Menschen, die das, was sie haben, gerne gegen eine Spende mit den vorbeikommenden Pilgern teilen. Ich bin dankbar und genieße diesen ruhigen, entspannten Nachmittag und Abend im Paradies in vollen Zügen.


Tag 4: Im Fluss (Oersdorf – Zeven, 16km)

Es fließt heute. Der Tag ist einfach nur schön. Der Weg ist toll, viele Abschnitte führen durch Waldgebiet, was bei dem sonnigen Wetter sehr angenehm ist und mich Kraft tanken lässt. Ich fühle mich frei. Ich habe heute auch viele schöne Begegnungen. Eine Frau vom örtlichen Heimatverein, die mir etwas über den Wegabschnitt und seine Historie erzählt. Beim Bäcker eine Mutter, deren Tochter gerade als Backpackerin in Neuseeland unterwegs ist. Zwei ältere Herren – Stammgäste in der Bäckerei -, die sich auch immer sehr für die vorbeikommenden Reisenden interessieren; der eine schenkt mir ein paar Postkarten mit seinen eigenen Fotografien. Eine Frau, die den portugiesischen Jakobsweg gelaufen ist, sowie ein Mann, der die Via Baltica schon von Wolgast bis Münster gelaufen ist. Diese Begegnungen und Gespräche bereichern meine Wanderung. Ich mag es, dass die Leute auf dem Dorf Zeit haben für solche Gespräche – für ein bisschen Klönschnack. Ich muss zugeben, ein Leben auf dem Land erscheint mir immer reizvoller.


Tag 5: Einsichten (Zeven – Ottersberg, 30km)

Eine weitere kalte Nacht im Zelt, in der ich nur schlecht geschlafen habe. Beim Zähneputzen im Waschhaus läuft im Radio der Wetterbericht – das Wetter kippt und für die kommende Nacht ist Regen angesagt. In der Pilgerherberge im nächsten Etappenziel hatte ich schon angerufen – leider kann ich dort nicht bleiben, da sich zwei andere Pilger schon vorher angemeldet hatten und mehr in Zeiten von Corona nicht möglich ist. Was tun? Erstmal zusammenpacken und das wunderschöne Sonnenaufgangslicht nutzen, um die ersten Kilometer bis zum nächsten Ort zu wandern. Wieder frühstücke ich in Ruhe beim Bäcker und beschließe: Heute geht es zurück. Ich möchte erstmal nicht mehr im Zelt schlafen und es fühlt sich einfach richtig an, wieder nach Hause zu fahren. Ich habe das Gefühl, genug Abstand gewonnen zu haben, meine Gedanken genug durchdacht zu haben, und ich habe wieder Lust auf Projekte zu Hause. Und natürlich freue ich mich auf mein Bett. Und meine Küche. Aber erstmal habe ich noch einen ganzen, herrlich sonnigen Wandertag vor mir und versuche noch einmal bewusst, die Natur und die Freiheit zu genießen. Wobei ich zugeben muss, dass die letzten Kilometer dieser langen Etappe dann doch zäh und anstrengend sind und ich mir irgendwann nur noch den Bahnhof herbei wünsche.

Fazit nach 5 Tagen Jakobsweg-Wandern in Deutschland: Mir fehlt die aus Spanien gewohnte Pilgergemeinschaft. Und natürlich kann auch ich mir Aufregenderes vorstellen, als durchs niedersächsische Flachland zu wandern. Aber es war schön, einfach mal ein paar Tage rauszukommen, in der Natur zu sein, die eigene Heimat ein bisschen besser kennenzulernen und andere Begegnungen zu haben als im gewohnten Alltag. Den nächsten Abschnitt mache ich dann vielleicht lieber ohne Zelt. 😉

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