Unterwegs

Mein Winter in der Arktis (Teil 1) – Ankunft in Spitzbergen

“Nothing more wonderfully beautiful can exist than the Arctic night. It is dreamland, painted in the imagination’s most delicate tints; it is color etherealized. One shade melts into the other, so that you cannot tell where one ends and the other begins, and yet they are all there. No forms — it is all faint, dreamy color music, a far-away, long-drawn-out melody on muted strings. Is not all life’s beauty high, and delicate, and pure like this night? Give it brighter colors, and it is no longer so beautiful.”

Fridtjof Nansen, Farthest North

Die Arktis hat mich immer fasziniert. Bilder von Eis und Schnee. Aufnahmen von tanzenden Lichtern am Himmel. Die Geschichten von Jack London und Expeditionsberichte von Fridtjof Nansen. In mir formte sich ein verklärtes, mit Sehnsucht aufgeladenes Bild einer rauen, wilden, kalten Welt voller Schönheit. Es ist nicht zuletzt diese Träumerei, die dazu geführt hat, dass ich beruflich das tue, was ich tue. Und was mir jetzt ermöglichte, diese Welt mit eigenen Augen zu sehen und sechs Wochen im nördlichsten Ort der Welt zu leben, zu lernen und zu arbeiten. Im Rahmen meiner Promotion bin ich im Winter 2020 nach Longyearbyen in Spitzbergen gereist und habe an einem Kurs zu Klimaprozessen in der Arktis am University Centre in Svalbard (UNIS) teilgenommen.

Winterabenteuer light in Tromsø

27. Januar: Der Stress der letzten Wochen fällt von mir ab. Umzug, Organisation, Arbeitsprojekte abschließen, Ausrüstung besorgen. All das kann ich jetzt hinter mir lassen und mich stattdessen voll und ganz auf das Abenteuer freuen, das vor mir liegt. Von Hamburg geht es über Stockholm zunächst nach Tromsø. Die größte Stadt nördlich des Polarkreises liegt umgeben von Fjorden, Schären und Berggipfeln. Viel sehe ich davon bei meiner Ankunft allerdings nicht, denn es ist schon dunkel. Etwa vier Stunden schafft es die Sonne hier derzeit über den Horizont. Nun, an die Dunkelheit werde ich mich ohnehin gewöhnen müssen. Ein Bus bringt mich vom Flughafen in die Stadt. Ich steige aus und befinde mich inmitten einer verschneiten, trubeligen Kleinstadt. Das Thermometer zeigt -11°C, die Luft ist kalt und klar. Zwischen Bürgersteig und den vereisten Straßen türmt sich der geräumte Schnee. Erste Herausforderung: Mitsamt Rucksack und Rollkoffer durch die schneebedeckte Stadt meinen Weg zum Hostel finden. Zum Glück haben die Norweger das mit dem Räumen wirklich drauf. Während solche Schneemengen in Norddeutschland wahrscheinlich alles zum Erliegen bringen würden, fahren hier Autos und Fahrräder unbehelligt über die Straßen – wobei den Fußgängern grundsätzlich Vorrang gewährt wird. Im Hostel angekommen, fühle ich mich direkt wohl. Ich übernachte im “Bed & Books” (ja, vielleicht habe ich mich bei der Buchung ein kleines bisschen von dem Namen beeinflussen lassen 😉). Es ist genauso gemütlich, wie es klingt – hyggelig würde man wohl auf Norwegisch sagen. Bevor ich es mir aber zu gemütlich mache, ziehe ich mir meine lange Unterwäsche, Winterhose, Parka, Wanderstiefel, Mütze, Handschuhe & Co. noch einmal an und mache einen Abendspaziergang durch den Ort. Ich mag das ja sehr, alleine neue Orte zu entdecken und ganz in die Beobachter-Rolle zu schlüpfen. Im Hafen stehen ein paar vereiste Schiffe, auf der anderen Seite des Wassers glänzen in der Dunkelheit die Lichter der jenseitigen Häuser, ein Licht weit oben lässt eine Bergstation erahnen. Die Innenstadt ist überschaubar: Eine Kirche in der Mitte, ein paar Straßen mit vielen süßen, kleinen Läden und Cafés. Gemütlich, entspannt und touristisch. Auch zu dieser Jahreszeit ist hier viel los – Tromsø ist einer der besten Orte, um Nordlichter zu sehen. Ich lasse den Abend mit Pizza und einem heißem Capuccino ausklingen, genieße dieses spezielle Gefühl des Alleine-Reisens und bin aufgeregt bei dem Gedanken an das Abenteuer, das noch vor mir liegt.

28. Januar: Am nächsten Morgen habe ich die Chance, Tromsø noch einmal bei Tageslicht zu sehen. Zum Sonnenaufgang gegen 10 Uhr schnappe ich mir meine Kamera und begebe mich auf Erkundungstour. Im Tageslicht fällt die Orientierung im Ort viel leichter und ich kann jetzt auch die Berge auf der anderen Seite des Wassers bestaunen. Ich muss sagen, Tromsø gefällt mir schon sehr, sehr gut und fast bin ich ein bisschen traurig, dass ich hier nicht noch ein paar Tage länger bleiben kann. Aber nach meinem Frühstück in einem der vielen Cafés wird es schon langsam Zeit, sich wieder auf den Weg zum Flughafen zu machen. Das Flugzeug, das mich nach Spitzbergen bringen soll, ist eine gewöhnliche Linienmaschine. Keine kleine Propellermaschine, wie man vielleicht denken könnte – ich meine, wie viele Menschen fliegen wohl im Winter nach Spitzbergen? Nun ja… ziemlich viele. Das Flugzeug ist voll. Neben ein paar Einheimischen, Studenten, vielleicht auch dem ein oder anderen Wissenschaftler, sind es vor allem Touristen aus aller Welt. Zum Glück bekomme ich einen Fensterplatz. Während wir immer mehr an Höhe gewinnen, klebe ich staunend an dem kleinen Bullauge und bewundere die Landschaft, die unter mir vorbeizieht. Wohin ich sehe, schneebedeckte Berge, Fjorde und kleine Inseln im tiefblauen Ozean – es ist so schön, dass es fast unwirklich erscheint.

Bye bye Sonne – hallo Spitzbergen

Während wir weiter Richtung Norden fliegen, sinkt die Sonne immer weiter gen Horizont. Es ist ein besonderer Sonnenuntergang – nicht nur, weil er über den Wolken besonders schön ist, sondern auch weil es vorerst das letzte Mal ist, dass ich die Sonne sehe. Die Polarnacht dauert in Longyearbyen von Ende Oktober bis Mitte Februar an. Im Ort selbst wird die Sonne aufgrund der umgebenden Berge erst am 8. März wieder zu sehen sein, wobei es natürlich schon vorher Tag für Tag heller wird. Nach etwa drei Stunden Flugzeit nehmen wir Landung auf Longyearbyen – eine abenteuerliche Landung, denn durch die vereiste Landebahn dauert es eine ganze Weile bis das Flugzeug an Geschwindigkeit verliert. In der Ankunftshalle des Flughafens werde ich direkt von einem ausgestopften Eisbären begrüßt – in wessen Reich ich hier einreise, ist damit also schon mal klar.

Ein Bus bringt mich vom Flughafen in den Ort. Gleich der erste Stop ist “Sjøskrenten” – das Studentenwohnheim, in dem ich die nächsten Wochen wohnen werde. In der spärlich beleuchteten Dunkelheit sehe ich zunächst überhaupt nicht, wo ich hin muss. Allerdings steigen mit mir zusammen zwei weitere Studenten aus. Wie der Zufall will, kommen beide aus Deutschland und nehmen am selben Kurs teil wie ich. Sonja promoviert in Bergen, Matthias hat bereits ein Semester in Spitzbergen studiert und ist zum zweiten Mal hier. Wie sich später noch herausstellen wird, ist das keine Seltenheit – wer einmal hier war, kommt oft wieder zurück. Ich bin dankbar, mich erstmal an jemanden ranheften zu können, der sich schon auskennt in dieser für mich neuen, fremden Welt, in der ich mich noch sehr unsicher fühle. Es wird in den nächsten Tagen und Wochen noch so einige Momente und Situationen geben, in denen ich mich unsicher und wie ein völliger Neuling fühle. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnen kann, ist, wie schnell ich mich an das Leben hier oben gewöhnen werde, sodass es sich am Ende fast anfühlen wird, wie eine vertraute Heimat zu verlassen.


Dieser Beitrag ist Teil einer vierteiligen Reihe über meine Spitzbergen-Reise. In den nächsten Teilen werde ich von meinem Aufenthalt in Longyearbyen erzählen: von den ersten Tagen, einschließlich Sicherheitstraining, von meinem Alltag und von Ausflügen in die spektakuläre Natur Spitzbergens.

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